DGS-Praxisleitlinie

Opioidinduzierte Obstipation

Diese Leitlinie befindet sich nun in der Kommentierungsphase.



Autoren: PD Dr. Michael A. Überall

Erscheinungsjahr: 2018


Der Einsatz von Opioidanalgetika zur Behandlung starker Schmerzen stellt - unabhängig davon, ob diese durch einen Tumor bedingt sind oder nicht - für viele Betroffene nicht selten die letzte therapeutische Eskalationsstufe nach einer mitunter jahrelangen Leidenszeit dar. Im Gegensatz zu ihrer nachgewiesen starken Wirkung und situationsbedingt guten Verträglichkeit bei starken akuten Schmerzen (z.B. nach Unfällen, Operationen oder tumorbedingten Durchbruchschmerzen, etc.), werden die Effekte von Opioiden bei chronischen Schmerzen kontrovers diskutiert und die Sinnhaftigkeit ihres Einsatzes in Frage gestellt. Anlass hierfür ist das - trotz fehlender toxischer Wirkungen auf die inneren Organe - breite Spektrum Opioid-bedingter unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW), welches insbesondere in der Langzeitanwendung die erwünschten analgetischen Effekte konterkariert und bei zahlreichen Patienten zu einem vorzeitigen Abbruch der Behandlung führen kann.
Die in der Langzeitanwendung bedeutsamsten (weil zahlenmäßig am häufigsten auftretende und im Gegensatz zu vielen anderen unerwünschten Opioidwirkungen im zeitlichen Verlauf der Behandlung eher zu-, den abnehmende) Opioid-bedingten UAW betreffen den Gastrointestinaltrakt und werden heute unter dem Begriff der "opioid-induced bowel dysfunction (OIBD)" zusammengefasst - deren wichtigster Teilaspekt die sog. "opioid-induced constipation (OIC)", also die Opioid-induzierte Obstipation ist.
Für den praktischen Alltag der Schmerzmedizin und insbesondere die davon betroffenen Patienten stellen OIBD/OIC aus verschiedenen Gründen kritische Komplikationen dar. So resultieren für Betroffene mit einer OIBD/OIC zusätzlich zu ihrer jeweiligen Schmerzerkrankung nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten kritische Gesundheitsstörungen (wie z.B. häufigere Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte sowie längere krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeitszeiten und Einschränkungen der beruflichen Leistungsfähigkeit), sondern insbesondere auch signifikante zusätzliche Einschränkungen des körperlichen und seelischen Wohlbefindens, der Funktionalität in bzw. der Teilhabe an den Aktivitäten des alltäglichen Lebens und der Lebensqualität. Erschwerend kommt hinzu, dass Betroffene unter zahlreichen (versteckt oder offen vorgetragenen) Vorurteilen ihrer Umwelt bzgl. Ursache/Natur (Fehlernährung, mangelnde Flüssigkeitszufuhr, unzureichende körperliche Aktivtität, etc.) und medizinischer Relevanz dieser/ihrer Gesundheitsprobleme (Unkenntnis, Verharmlosung, Bagatellisierung, etc.) leiden und dieser therapiebedingten UAW trotz umfangreicher Evidenz bzgl. ihrer Bedeutung von verschiedenen Seiten (und auch Fachkreisen) ein definierter (behandlungskritischer) Krankheitswert (und damit auch die Notwendigkeit für eine spezifische Behandlungsform) abgestritten bzw. seitens Krankenkassen die Kostenübernahme für den Einsatz der heute verfügbaren ursächlich (kausal) wirksamen Therapien verweigert wird, wodurch Betroffene gezwungen werden nachgewiesenermaßen unwirksame aber traditionell zur Behandlung der funktionellen Obstipation empfohlene konventionelle Maßnahmen (Ernährungsumstellung, körperliche Aktivität, etc.) und Laxanzientherapien (wie z.B. Prokinetika, Osmotika und Sekretolytika, etc.) auf eigene Kosten anzuwenden.
Aufgrund der unzureichenden bzw. fehlenden Wirkung der unspezifischen Obstipationstherapien sehen sich nicht wenige Betroffene gezwungen ihre Behandlung zu verändern und reduzieren (um den Preis einer schlechteren analgetischen Wirkung und neuerlicher bzw. zunehmender Schmerzen und schmerzbedingter Beeinträchtigungen im Alltag) ihre Opioidbehandlung entweder durch eine Dosisreduktion oder die Verlängerung der Einnahmeintervalle. Dabei stehen den unter einer OIBD/OIC leidenden Betroffenen mit den seit einigen Jahren verfügbaren "peripherally acting mu-opioid receptor antagonists (PAMORA)" heute eine ganze Reihe ursächlich bzw. spezifisch wirkender Behandlungsalternativen zu den traditionellen empfohlenen (aber in dieser speziellen Indikation eben leider weitestgehend unwirksamen) unspezifischen Laxanzientherapien zu Verfügung, die aus verschiedenen Gründen jedoch im praktischen Alltag nur selten zum Einsatz kommen.
Mit der vorliegenden PraxisLeitlinie wollen die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V. und die Deutsche Schmerzliga (DSL) e.V. zusammen Wissen und Verständnis um die Besonderheiten von OIBD und insbesondere OIC mehren, Betroffenen und ihren Therapeuten einen evidenzbasierten Leitfaden zur Vorbeugung und Behandlung einer opioidinduzierten Obstipation im praktischen Alltag geben sowie einen alltagstauglichen Behandlungsalgorithmus zu Verfügung stellen.